Zeit umzudenken? Die Zukunft der Geschichte

Philip Plickert ist promovierter Volkswirt (Wirtschaftsgeschichte), Universitätsdozent und seit April 2007 Wirtschaftsredakteur der FAZ, bei der er unter anderem den Wirtschaftsteil „Der Volkswirt“ betreut. In seiner Forschung beschäftigte sich Dr. Philip Plickert besonders mit der ideengeschichtlichen Entwicklung des Neoliberalismus und verfasse seine Dissertation zum Thema „Wandlungen des Neoliberalismus“.

 

Warum es eine Neubelebung und stärkere Wertschätzung der Wirtschafts- und Finanzgeschichte sowie der Dogmengeschichte in der universitären Lehre braucht. Ein Gespräch über Pluralität in der Ökonomie, welches mit Dr. Plickert im Rahmen der Ringvorlesung der Fachschaft VWL im FFS 2017 „Zeit Umzudenken- Die Plurale Ökonomik“ stattfand.

 

 

Herr Plickert, Sie haben einen Abschluss in Wirtschaftsgeschichte gemacht. Warum ist für Sie eine wirtschaftsgeschichtliche Analyse wichtig, und kann man speziell für die Volkswirtschaftslehre Schlüsse daraus ziehen?

 

 

 

 

Wirtschaftsgeschichte ist wichtig, weil sie Orientierung gibt. Bei Betrachtung der Geschichte erkennen Sie, dass es Strukturen und vor allem immer wiederkehrende Muster gibt, daraus lernen Sie auch eine ganze Menge für aktuelle Debatten.

 

Zum Beispiel die aktuelle Debatte über den Protektionismus. Wenn Sie zurückschauen auf die erste Phase der Globalisierung im 19. Jahrhundert, sehen Sie, dass auf eine Phase des Freihandels oder der riesigen Expansion des Welthandels ein großer Rückschlag, also eine protektionistische Wende folgte. Kennen Sie nun solche geschichtlichen Beispiele, können Sie erstens aktuelle Debatten besser verstehen und zweitens auch besser abschätzen und reagieren. Außerdem würde das, was Sie im Wirtschaftsstudium lernen, nicht so sehr im luftleeren Raum hängen, wenn Sie mehr über die Geschichte wissen.

  

 

 

 

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Wandel des Neoliberalismus“ verfasst. Was ist der Kern des Wandels des Neoliberalismus?

 

 

 

 

Heute wird Neoliberalismus als politisches Schlagwort, fast schon Kampfbegriff verstanden, als Marktradikalismus, sozusagen als die völlige Freiheit für Märkte. In seiner Entstehung verstand man darunter noch etwas anderes. In den dreißiger Jahren kam der Begriff als Reaktion oder als Rettungsversuch auf diese existentielle Krise, die Wirtschaftskrise. Und dazu die politischen Ideologien, die den Markt total ablehnten, seien es der Kommunismus oder der Nationalsozialismus. Oder auch der Keynesianismus, der staatliche Steuerung der Nachfrage postulierte, da Märkte an sich zu Koordinationsversagen führten.

 

Die Neoliberalen in den frühen dreißiger Jahren stimmten zu, dass der alte Liberalismus versagt habe, der auf dem „Laissez-faire“-Liberalismus beruht, deswegen folgte auch die Abgrenzung „Neo-Liberalismus“ zum alten Liberalismus.

 

Man braucht einen staatlichen Rahmen für die Wirtschaft. Der neue Ansatz der Neoliberalen war, dass man eine Rahmenordnung für die Wirtschaft braucht, die Kartelle, Marktabsprachen und solche Dinge verhindert, aber innerhalb dieser Rahmenordnung könnte der Markt eben doch gut sich entwickeln und als Wohlstandsmotor fungieren. In Deutschland hat sich eher der Begriff des Ordoliberalismus durchgesetzt.

 

Dies ist der Neoliberalismus in geschichtlicher Sicht. Nun hat dieser in den siebziger Jahren so viel Selbstbewusstsein entwickelt, so dass er schon fast wieder zurück zum alten „Laissez-faire“ mit totaler Deregulierung ging. Das meinte ich mit den „Wandlungen des Neoliberalimus“.

 

Dass die Rolle zurück zur Deregulierung – vor allem im Finanzbereich – neue Probleme gebracht hat, auf die dann wieder mit neuer Regulierung reagiert werden muss, ist die Kritik, die man daran äußern kann.

 

 

 

 

 In ihrem aktuellen Buch „Die VWL auf Sinnsuche“ fordern Sie Reformen der VWL, in der Forschung und vor allem in der Lehre. Wie sieht diese Reform aus?

 

 

 

 

Es gibt viele Fragen an die Ökonomie: War und ist sie zu selbstbezogen, zu verengt, hat sie sich zu sehr auf reduzierte Modelle verlassen, die in der Krise zum Teil versagt haben? Das treibt die Gesellschaft um. Auf diese Vertrauens- oder Glaubwürdigkeitskrise kann man nur reagieren, wenn man wieder verstärkt mit anderen Sozialwissenschaften den Diskurs sucht und die Forschung wieder viel breiter aufstellt. Indem die Ökonomen in gewisser Weise mehr Demut zeigt und sieht, dass die bisherige Wissenschaft nicht alles erklären kann. Neue Ideen müssen gesucht werden, die man im Austausch mit anderen Disziplinen entwickeln kann. Also eben ein breiterer, pluralistischer Ansatz wäre gut. Dies würde den Studenten gut tun und eben verschiedenen Kritiken in der Öffentlichkeit den Wind aus den Segeln nehmen.

 

 

 

 

Können Studenten etwas bewirken?

 

 

 

 

Ja, alleine dadurch, dass Sie da sind oder dass Sie nicht da sind, bewirken Sie vieles. Sie sind die Nachfrage, also die Kunden hier an der Universität. Wenn Sie wegbleiben, müsste sich die Lehre auch umorientieren. Sie sind die Zukunft hier an der Universität, und Sie können auch gewisse Forderungen stellen. Natürlich ist es manchmal schwierig, weil Sie noch am Anfang stehen und, weil es schwierig ist für den, der lernt, den „Meister“ zu kritisieren, weil ein gewisses Niveau noch nicht erreicht wurde. Also sie können schon verlangen, dass die Lehre eben breiter aufgestellt ist. Diese Forderung können Sie auf jeden Fall stellen.

 

 

 

 

Sie sind Redakteur des Wirtschaftsteils der FAZ.  Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Kollegen? Diskutieren Sie häufig mit Ihren Kollegen, gibt es Meinungsverschiedenheiten?

 

 

 

 

So eine große Redaktion ist eine sehr arbeitsteilige Organisation, da hat jeder sein Feld und es kommt selten vor, dass ich dem Kollegen, der über ein anderes Feld schreibt, reinreden würde.

 

Dennoch diskutieren wir über große Fragen. Da gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen und daraus kommen immer wieder auch interessante Debatten zustande. Zudem haben wir ja auch in der Zeitung einen Meinungspluralismus, gerade auch in der FAZ zwischen den Redaktionen Politik, Wirtschaft und Feuilleton und auch innerhalb des Wirtschaftsressorts.

 

Auf der Seite „Der Volkswirt“ biete ich eine Plattform für Debatten mit verschiedensten Gastbeiträge, da versuchen wir die großen Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Und gerade auch während der Krise, wo wir keine abschließende Antworten hatten, haben wir zum Teil auch Dinge von Grund auf neu diskutieren müssen. Und das müssen wir immer wieder.

 

 

 

 

Das Interview führten Naemi Rieß und Luca Schmidt.