Freihandel vs. Protektionismus oder doch etwas dazwischen?

 

Verschiedene Modelle vom Komparativen Kostenvorteil nach Ricardo über das Heckscher-Ohlin-Modell bis zum intraindustriellen Handel versuchen internationalen Handel und daraus Wohlfahrteffekte zu erklären. Alle zusammen kommen sie zu dem Ergebnis, dass unterm Strich alle Beteiligten Wohlstand aus internationalem Handel ziehen. Das Stolper-Samuelson-Theorem (auf der Grundlage des Heckscher-Ohlin-Modells) erlaubt dabei aber die Existenz von individuellen Verlusten z.B. in Ländern wie den USA, wo durch Freihandel (NAFTA) nicht wettbewerbsfähige Industriezweige verloren gehen. Die sozialen Konsequenzen aus diesen Verlusten sollten aber ernst genommen werden. Ein Lösungsvorschlag ist dabei auch schon parat, die Umverteilung der Gewinne durch eine sogenannte „Kompensationspolitik“. Als Freihandelskritik ist der Verlust von nicht Wettbewerbsfähigen Industriezweigen nicht ausreichend, da ein Argument lautet, die freigesetzten Potentiale aus unrentablen Industriezweigen in wettbewerbsfähigere Zweige umzuleiten.

 

Doch ist dieses Argument aus mehreren Gründen nicht haltbar. Erstens ist die Umleitung natürlich mit Kosten verbunden (Umschulungen, Strukturwandel). Zweitens erfordert es hohe Flexibilität von Arbeitnehmer*innen und sogar ganzen Regionen. Dass solche Strukturwandel langwierig und kostenintensiv sind, zeigen Regionen wie der Ruhrpott.

 

Von Freihandel können aber auch die Konsumenten profitieren. Nicht nur erweitern sich durch freien Handel die Konsummöglichkeiten, sondern Produkte werden durch internationalen Wettbewerb billiger und Konsumenten somit effektiv reicher.

 

Nichtsdestotrotz wird für die Verbilligung und Erweiterung der Konsummöglichkeiten in alle Welt ein hoher Preis bezahlt. Preisreduzierungen werden nicht nur durch effizientere Verarbeitung erreicht, sondern auch durch Senkung der Produkt- und Umweltstandards. Ist diese Entwicklung erstrebenswert, nur um im Mittel Wohlfahrtsgewinne zu erreichen?

 

Freier Wettbewerb hat derweil noch andere wohlstandsfördernde Implikationen wie die Förderung von Innovationsdynamik. Es wird somit sichergestellt, dass kein Land in veralteten Wirtschaftszweigen verbleibt, sondern sich stetig weiterentwickelt, um im Wettbewerb mithalten zu können. So sorgt der Freihandel in der Theorie für Fortschritt.

 

In einigen Fällen kann Freihandel Fortschritt und Wohlstand von Ländern aber auch torpedieren. Besonders unterentwickelte Länder mit ihren „infant industries“ leiden unter den Folgen von Freihandel und Freihandelsabkommen. Gerade der sehr hohe Entwicklungsunterschied zwischen armen und reichen Ländern, macht es Ländern des Globalen Südens fast unmöglich neue wettbewerbsfähige Industriezweige aufzubauen und so Fortschritt und Wohlstand zu schaffen. Eine Lösung wäre es sogenannte „Erziehungszölle“ nach Friedrich List einzuführen, um unterentwickelte Industrien zu fördern. Eine solche Politik führten beispielsweise Südkorea und Taiwan im kalten Krieg durch. Sie förderten nationale Unternehmen und ihre Konkurrenz untereinander durch Abschottung von konkurrenzfähigen Importprodukten und kontrollierten ihre Modernisierungserfolge.

 

 

Brauchen wir also eine neue Leitlinie des Handels, wie das alternative Handelsmandat das, von etwa 50 Organisationen als Handelsvorschläge verfasst, die Orientierung von internationalem Handel an den Bedürfnissen von Mensch und Umwelt fordert? Oder soll sich der internationale Handel mit seinen Abkommen, im Sinne des ethischen Welthandels nach Christian Felber ganz den Menschenrechten und dem Umweltschutz unterordnen? Doch schlussendlich drängt sich uns bei den Debatten um begrenzte Ressourcen und Degrowth die Grundsatzfrage auf: Wie können und wollen wir in Zukunft wirtschaften?